Leben, on my mind 4

Bin ich erfolgreich? | on my mind

Ich kann mich noch gut an ein Gespräch mit meinem Bankberater vor etwa drei Jahren erinnern. „Wir setzen für unsere Kunden gerne finanzielle Ziele fest, würden Sie gerne mal ein Haus kaufen oder bauen?“ – „Ja, irgendwann schon. Mit 40 vielleicht, das wäre schön. Aber wer weiss, ob ich mir das jemals leisten kann“, sagte ich damals. Seine Reaktion schwankte zwischen Verwirrung und Erstaunen. „Mit 40? Das ist viel zu spät. Ihr erstes Haus sollten Sie mit 30 kaufen!“ Warum ist mir dieses Gespräch so lebhaft in Erinnerung geblieben? Ich denke, weil es gut abgebildet hat, wie verschieden Biografien aufgebaut sind und in der Realität verlaufen. Und, weil mir in diesem Moment einmal mehr bewusst geworden ist, dass viele Menschen Erfolg an Verdienst und Besitz messen.
Als ich angefangen habe über diesen Beitrag nachzudenken, war die Corona-Krise noch ganz am Anfang und ich hatte nicht damit gerechnet, dass es Europa so hart treffen würde, wie es mittlerweile der Fall ist. Jetzt, nach über einer Woche ohne zwischenmenschlichen Kontakt, arbeite ich an diesem Text weiter und bin noch mehr davon überzeugt, dass meine Überlegungen zu der Frage „Bin ich erfolgreich?“ Sinn ergeben.
In der Soziologie wird Erfolg als ein Handeln bezeichnet, das auf sozial anerkannte Ziele ausgerichtet ist und das Resultat der Durchsetzung verfolgt. In Abgrenzung zur „Leistung“ ist das Erfolgsprinzip auf das Ergebnis und nicht auf den Prozess ausgerichtet. Der Weg zum Status „erfolgreich“ spielt also eine untergeordnete Rolle. Am Ende steht das Ergebnis, das Geld, der Status, der Erfolg, den es wiederum nur durch soziale Anerkennung gibt. Errungenschaften, die von dem Großteil der Gesellschaft nicht als Erfolg anerkannt werden, sind weniger wert. Aber wie definiere ich meinen eigenen Erfolg? Wie schaffe ich es, mich von diesem Konstrukt zu lösen und mich als erfolgreich zu empfinden, ohne dass mir das von außen bestätigt wird?

Auch ich lasse mich hin und wieder dazu verleiten Menschen als erfolgreich zu empfinden, die in einem tollen Haus leben, Macht haben oder eben über andere Güter verfügen, über die nicht jeder in unserer Gesellschaft verfügt. Sich von diesem Denken komplett zu lösen ist kaum möglich, wenn man in der westlichen Welt aufgewachsen ist. Schon als Kind werden wir immer wieder damit konfrontiert unsere Mitmenschen anhand ihres Besitzes in erfolgreich oder unerfolgreich einzustufen. Trotzdem habe ich in den vergangenen Jahren das Erfolgsverständnis verinnerlicht, das mir meine Eltern immer wieder eingebläut haben. „Du bist erfolgreich, wenn du zufrieden bist“ sagen meine Eltern und was das bedeutet, habe ich während der globalen Krise in der wir uns aktuell befinden, gespürt.
Mir ist jetzt bewusst, was ich in meinem Leben richtig gemacht habe. Es war richtig sich für den Beruf zu entscheiden, der mir Spaß macht, als für den mit dem ich viel Geld verdiene, es war richtig an den Ort zu ziehen, der mir Geborgenheit schenkt, aber nicht besonders hip ist und es war richtig den Kreis meiner Freunde so klein wie möglich zu halten. Ich bin zufrieden, ich mag mein Leben und kann gut alleine sein. Das ist mein Verständnis von Erfolg.
Wie sehr ich in mir ruhe merke ich momentan noch mehr, als in den letzten Jahren. Ich vermisse es unbeschwerte Momente mit meiner Familie zu verbringen, aber ich genieße den kleinen Kosmos, den ich mir selber geschaffen habe. Ich widme mich täglich Dingen, die mich glücklich machen, verbiege mich nicht und kann mein authentisches Ich ausleben. Zu akzeptieren, dass jeder Mensch eine eigene Definition von Erfolg hat, ist wichtig, um selber erfolgreich zu sein. Wer aufhört sich zu vergleichen und in einen ständigen Konkurrenzkampf mit anderen Mitgliedern der Gesellschaft zu treten, hat Erfolg. Bob Dylan hat recht, wenn er schreibt „Was bedeutet schon Geld?“, denn die Menschen, die durch die Corona-Krise ihre wirtschaftliche Existenz verlieren, können immer noch erfolgreich sein. Wir sind erfolgreich, wenn wir es schaffen auf uns selber zu hören und den eigenen Bedürfnissen Raum zu geben.

You Might Also Like

4 Comments

  • Garfield says: März 26, 2020 at 8:52 pm

    Was für tolle Eltern sind das, die ihrem Kind beibringen, dass Erfolg bedeutet, dass man selbst zufrieden ist. Wie oft lernen die Menschen von ihren Eltern eher das Gegenteil, also dass sie verkehrt sind und sich anpassen sollten. Sich an dem eigenen Kompass auszurichten, das ist es! Das ist übrigens auch meine Erkenntnis aus der Entdeckung der Langsamkeit gewesen. Dein Text macht mir Lust darauf, meine eigene Definition von Erfolg zu bestimmen. Ich habe darüber noch nie so richtig nachgedacht. On my mind-Texte = immer wieder super!

    Reply
  • Garfield says: März 26, 2020 at 8:58 pm

    PS: Ein schönes Bob Dylan Zitat ist auch „some people feel the rain, others just get wet“

    Reply
    • Flora says: März 27, 2020 at 7:59 am

      Du hast recht, das war wirklich ein großes Geschenk mit diesem Verständnis aufzuwachsen. Schön, dass du dir Zeit für den Beitrag genommen hast – das freut mich sehr.
      Und danke für das tolle Zitat <3

      Viele Grüße!

      Reply
  • Rabea says: April 5, 2020 at 8:01 pm

    Hallo Flora! Sehr schöner Text, schöne Gedanken! Ich finde es auch wichtig, man zufrieden ist. Dass man das wertschätzt, was man hat und erreicht hat. So viele Menschen finden immer nur das Haar in der Suppe und können nicht die schönen Seiten ihres Lebens wahrnehmen, vergleichen sich und werden neidisch. Wenn man seinen eigenen Leitstern gefunden hat, das wie und wohin, kann einen das Jetzt vielleicht nicht so sehr aus Bahn werfen. Bleib gesund! Viele Grüße Rabea

    Reply
  • Leave a reply